Zu Beginn eine Boss-Demonstration des Bundes Deutscher Industrieller, zum Ende der Abspann mit einer unvollständigen Liste der Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich. Die Gegensätze könnten krasser nicht sein. Daniela Michel und Alexander Kleider porträtieren Menschen, die direkt vom Umbau der Sozialsysteme betroffen sind. Zum Beispiel Herr und Frau Schmidt. Die beiden Blinden kämpfen gegen die 20-prozentige Kürzung des Blindengeldes. Oder Frau Hinzer. Die Rentnerin fürchtet um ihre Seniorenausflüge nach Brandenburg. Und der schwer MS-kranke Matthias Vernaldi hat sogar Angst um sein Leben, sollte seine Rund-um-die-Uhr-Betreuung zusammengestrichen werden. Doch was wäre ein sozialer Dokumentarfilm ohne Perspektive? Die Vision liefert der bekannteste Politik-Professor Berlins, Peter Grottian. Ein fesselndes Stück Agitprop über die Agenda 2010. Prädikat: Sehenswert.
Ein sarkastischer Prolog: eine Kundgebung des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Die gut betuchten Herren applaudieren zum Beispiel den Sätzen:" Die Stimmung in Deutschland müssen wir ändern...Ein Ruck muss durch das Land gehen." "Eiszeit" dokumentiert dann diesen sogenannten "Ruck", den gößten Einschnitt in den deutschen Sozialstaat, einen politisch-sozialen Wertewandel par excellence: Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, "oben"und "unten". "Eiszeit" stellt sich bewusst in die Tradition eines linken Agitprop-Kinos- mit bemerkenswerter Genauigkeit und Emotionalität.
Der Dokumentarfilm "Eiszeit" konkretisiert die Agenda 2010. Die Blinden, die schwer Behinderten, die allein stehenden Arbeitslosen sind von den Einsparungen im Gesundheits- und Sozialwesen im Rahmen der "Agenda 2010" am härtesten betroffen.
Kommentarlos lässt der Film die Betroffenen erzählen: von den gesellschaftlichen Veränderungen in einer Stadt, die bald nicht mehr nur in Ost und West, sondern auch in Arm und Reich gespalten sein wird. Erstmalig rief der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) am 22. September 2003 zu einer Demonstration für mehr Eigenverantwortung und Wettbewerb auf. Damit beginnt der Film, und natürlich schält das Folgende den zynischen Anteil des Gemeinschaftssinns erfolgreicher Geschäftsleute heraus.[...]
Die beunruhigendere Botschaft erzählt der Subtext dieses Films: Nachdem der Sozialstaat die gemeinschaftlichen Bindungen in großem Stil aufgelöst hat, hat er sich im Tausch für die kostbare Hilfe der Vormundschaft über höchst Privates bemächtigt. Noch kann sich Matthias Vemaldi die Leute aussuchen, die bei ihm arbeiten. Aber die bevorstehenden Kürzungen der Sozialleistungen, das wissen auch die anderen, werden das persönliche Leben zutiefst verändern. Davor haben sie Angst. "Plötzlich sind die Schranken weg", sagt Anneliese Schmidt.[...]
Es ist besonders beunruhigend, arbeitlose oder ältere Menschen mit Zukunftsängsten in gepflegten Wohnungen sitzen zu sehen.Solche Bilder bestätigen aber nicht das "Jammern der Deutschen auf hohem Niveau", wie gern behauptet wird. Nein, nicht mehr gebraucht zu werden, bedeutet Einsamkeit und abweisende Häuserzeilen, die die Filmemacher als Kommentar einsetzen. Der Zuschauer kommt den Protagonisten sehr nah und denkt: Das kann und darf nicht wahr sein, dass eine Gesellschaft auf so viele ihrer qualifizierten Leute verzichtet und ihren Sozialstaat inzwischen fast mehr verteufelt als schätzt.
Sichtbar wurde in dieser von DOK-WERK getragenen Produktion mit teilweise poetischer Aufmerksamkeit das konkrete Bild vom Leben einzelner Menschen im Schatten der Kürzungspolitik. Gezeigt wurde ein - vielen von uns bekannter - »politischer Alltag«, wie er in den Medien normalerweise zwischen Quizshows und Casting-Spektakeln bis zur Unkenntlichkeit verschwindet.
► Globale Filmfestival 2005
► Lichtblick-Kino, Berlin / Juni, Juli / 2004
► Nickelodeon-Kino, Berlin / Juni, Juli / 2004
► Karlstor-Kino, Heidelberg / Juni 2005
► Kino in der Pumpe, Kiel / Juni 2005
► Dachkino, Leipzig / Dezember 2006
ZDF Dokukanal Mai und November 2005
