LOVEBOX Interview mit Daniela Michel und Alexander Kleider

LOVEBOX INTERVIEW

LOVEBOX Daniela Michel & Alexander Kleider im Gespräch

Über AfrikaBurn, Nähe, Verletzlichkeit und die Frage, was zwischen zwei fremden Menschen entstehen kann.

Über den Film

LOVEBOX Interview: Wie entsteht ein Raum, in dem sich zwei fremde Menschen innerhalb weniger Minuten wirklich begegnen? Die Regisseur:innen Daniela Michel und Alexander Kleider sprechen über die Entstehung des Films, AfrikaBurn, Nähe vor der Kamera und darüber, warum der Kinosaal selbst zu einer größeren LOVEBOX werden kann.

LOVEBOX Interview: Entstehung und Idee

Wie ist die Idee zur LOVEBOX entstanden?

Die Idee zur LOVEBOX entstand nach unserem ersten Burn, dem Nowhere in Spanien. Besonders die Prinzipien Partizipation und Gifting haben uns begeistert: Alle tragen etwas bei und schenken anderen etwas, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Da wollten wir auch mitmachen.

Ein Burn ist ein temporärer, von den Teilnehmenden selbst gestalteter Raum, inspiriert von der Burning-Man-Kultur und ihren Prinzipien . Besonders wichtig waren für uns Partizipation, Gifting und Immediacy – also das unmittelbare Erleben.

Weil wir mit Film arbeiten, wollten wir einen Raum schaffen, in dem sich zwei fremde Menschen innerhalb kurzer Zeit wirklich begegnen können. Als wir die LOVEBOX zum ersten Mal ausprobiert haben, haben wir gemerkt, welche Kraft in diesen Begegnungen steckt.

Daraus entstand schließlich die Filmidee: Wir wollten zeigen, was in einem gemeinsam gestalteten, weitgehend transaktionsfreien Raum möglich wird – und herausfinden, ob diese Form der Begegnung auch außerhalb eines Burns funktioniert.

Was passiert in der LOVEBOX?

Zwei Menschen, die sich meistens vorher nicht kennen, betreten gemeinsam die LOVEBOX – ein kleines Raumschiff für menschliche Verbindung. Dort beginnt eine spielerische Reise mit Dunkelheit, Musik und langem Blickkontakt. Schritt für Schritt entsteht ein Raum, in dem sie einander begegnen können.

Wir schaffen dabei nur den Rahmen. Was innerhalb dieses Rahmens passiert, können wir nicht planen. Manche Menschen lachen sehr viel, manche schweigen, andere erzählen plötzlich sehr persönliche Dinge. Genau diese Unvorhersehbarkeit macht die LOVEBOX für uns interessant.

Warum können sich Fremde dort so schnell öffnen?

Ein wichtiger Teil ist der lange Blickkontakt. Im Alltag schauen wir einem fremden Menschen fast nie über längere Zeit direkt in die Augen. Für manche hat das fast etwas Psychedelisches – die Wahrnehmung verändert sich.

Gleichzeitig ist die LOVEBOX sehr spielerisch. Man steigt gewissermaßen gemeinsam in ein Raumschiff und begibt sich auf eine Reise. Diese Mischung aus Intensität, Spiel und geschütztem Rahmen macht es leichter, sich zu öffnen, ohne sich darstellen oder besonders interessant sein zu müssen.

LOVEBOX Interview Menschen, AfrikaBurn und Kamera

Wie habt ihr eure Protagonist:innen gefunden?

Es gab kein Casting. Die Menschen im Film kommen aus unserem eigenen Umfeld und aus den Beziehungen, die rund um die LOVEBOX entstanden sind. Das war uns wichtig: Wir wollten keine Figuren für eine vorgefertigte Geschichte suchen, sondern beobachten, was sich aus echten Beziehungen und Situationen entwickelt.

Eric haben wir über die Konferenz Science and Nonduality kennengelernt. Frostie kannten wir aus dem Burn-Umfeld. Luvuyo ist Teil des My Workshop Collective in Langa bei Kapstadt, wo wir gemeinsam die LOVEBOX gebaut haben.

So wurden die Protagonist:innen ganz organisch Teil des Films – als Freund:innen, Mitstreiter:innen und Menschen, mit denen sich die Geschichte über die Zeit entwickelt hat.

Wie konntet ihr auf AfrikaBurn drehen – und welche Rolle spielten Consent und Immediacy dabei?

Die Genehmigung war ein langer Prozess. AfrikaBurn und andere Burns sind Kameras gegenüber sehr zurückhaltend – aus gutem Grund. Eines der zentralen Prinzipien ist Immediacy, also die unmittelbare Erfahrung des Moments. Deshalb wird auch das ständige Fotografieren, Filmen oder Posten für Social Media eher kritisch gesehen.

Dazu kommt Consent, das in der Burn-Kultur eine sehr große Rolle spielt. Für uns bedeutete das, sehr genau zu erklären, was wir vorhaben, Vertrauen aufzubauen und sicherzustellen, dass die Menschen selbst entscheiden können, ob sie gefilmt werden möchten.

Wir wollten mit der Kamera nicht genau die unmittelbare Erfahrung zerstören, die wir eigentlich erzählen wollten. Diese Spannung hat den gesamten Dreh begleitet.

Welche Rolle spielt die Kamera in diesen intimen Begegnungen?

Das können wir natürlich nicht genau wissen. Aber selbst wenn die Situation oder auch die Kamera etwas auslöst, macht das die Gefühle nicht weniger real. Sie entstehen in diesem Moment tatsächlich zwischen den Menschen.

Die Kamera befindet sich in der LOVEBOX, wird aber von außen bedient. Es gibt also keinen Kameramann und kein Filmteam im Raum, das den beiden Menschen gegenübersitzt. Sie sind tatsächlich allein miteinander. Niemand stellt Fragen, niemand greift ein.

Natürlich ist die LOVEBOX ein bewusst gestalteter Raum. Wir arbeiten mit Dunkelheit, Musik, Blickkontakt und einer gemeinsamen Reise. Aber wir geben kein bestimmtes Ergebnis vor. Was die Menschen darin fühlen, sagen oder tun, können wir nicht kontrollieren. Genau darin liegt für uns die Echtheit der Begegnung.

Und wir wissen inzwischen auch, dass es nicht an der Kamera hängt: Man kann die LOVEBOX komplett ohne Kamera machen. Dafür gibt es eine Anleitung auf unserer Website, und die Rückmeldungen von Menschen, die sie selbst ausprobiert haben, sind sehr ähnlich.

Wir geben den Rahmen vor – aber was die Menschen darin fühlen, sagen oder tun, können wir nicht kontrollieren.

Daniela Michel & Alexander Kleider

Funktioniert die LOVEBOX auch außerhalb eines Burns?

Das war eine der zentralen Fragen des Films. Auf einem Burn befinden sich die Menschen bereits in einem besonderen Umfeld, das Offenheit und Begegnung begünstigt. Deshalb wollten wir wissen: Was passiert, wenn wir mit der LOVEBOX in den Alltag gehen?

Wir haben erlebt, dass sie auch dort funktioniert. Die anfängliche Zurückhaltung hält manchmal etwas länger an. Aber wenn Menschen sich darauf einlassen, kann auch außerhalb eines Burns eine erstaunliche Nähe entstehen. Das war für uns eine der wichtigsten Erfahrungen des Projekts.

LOVEBOX Interview Vom Material zum Kino

Wie habt ihr aus so vielen Begegnungen einen Film gemacht?

Unser erster Rohschnitt war acht Stunden lang. Die Auswahl war entsprechend schwierig.

Wir mussten einen Erzählfluss finden, der sehr unterschiedlichen Begegnungen Raum lässt, ohne dass der Film zu einer bloßen Aneinanderreihung wird. Gleichzeitig wollten wir auch Zuschauer:innen mitnehmen, die noch nie auf einem Burn waren. Humor, Musik und vor allem auch Stille waren dabei sehr wichtig.

Wie wichtig war euch die Balance zwischen Beobachtung und Reflexion?

Uns war wichtig, Beobachtung und Reflexion nicht gegeneinander auszuspielen. LOVEBOX verzichtet nicht auf Reflexion. Erics Kommentar begleitet den Film und versucht immer wieder zu verstehen, was in diesen Begegnungen geschieht – und was sie mit ihm selbst und vielleicht auch mit uns als Gesellschaft zu tun haben.

Diese Reflexion geschieht bewusst nicht aus einer distanzierten Außenperspektive. Eric ist Teil dieser Welt. Er beobachtet, zweifelt, erinnert sich und versucht, Worte für Erfahrungen zu finden, die sich nicht vollständig in Thesen übersetzen lassen. Uns interessierte eine Form von Erkenntnis, die aus Beobachtung, Erfahrung und Reflexion von innen heraus entsteht.

Dazu kommt die besondere Form der Beobachtung in der LOVEBOX selbst. Weil die Kamera von außen bedient wird, sitzt kein Filmteam mit im Raum. Wir können dadurch nicht die nachträgliche Erzählung eines Gefühls, sondern den Moment beobachten, in dem zwischen zwei Menschen tatsächlich etwas entsteht: Pausen, Unsicherheit, Zuhören, Lachen, Verletzlichkeit und manchmal einfach Ruhe.

Starke Emotionen gibt es natürlich auch in anderen Dokumentarfilmen. Häufig entstehen besonders intensive Momente aus Konflikten oder Krisen. In der LOVEBOX erleben wir oft das Gegenteil: emotionale Intensität, die aus Zugewandtheit entsteht. Das Spektakuläre ist manchmal gerade, dass nichts Spektakuläres passiert – außer menschlicher Nähe.

Warum ist das Kino für LOVEBOX so wichtig?

Die LOVEBOX schafft zunächst einen Raum für zwei Menschen. Der Film öffnet diesen Raum ein zweites Mal – für das Publikum. Im Kino passiert dann noch etwas Zusätzliches: Der Kinosaal wird selbst zum Erfahrungsraum.

Die Zuschauer:innen erleben diese intimen Begegnungen gemeinsam – die Stille, den Humor, die Unsicherheit und die Emotionen. Man hört das Lachen der anderen, spürt, wenn es plötzlich ganz still wird. Fast so, als würde sich die LOVEBOX für 96 Minuten auf den gesamten Kinosaal erweitern.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Menschen am Ende manchmal applaudieren, obwohl niemand von uns oder vom Filmteam im Saal ist. Dann richtet sich der Applaus nicht an eine anwesende Person, sondern an das, was gerade gemeinsam im Raum entstanden ist.

Fast so, als würde sich die LOVEBOX für 96 Minuten auf den gesamten Kinosaal erweitern.

Daniela Michel & Alexander Kleider

LOVEBOX Interview Gesellschaft und Weiterleben

Was hat LOVEBOX mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun?

Für uns fehlen im Alltag Räume, in denen wir Menschen begegnen können, ohne dass sofort die Frage im Raum steht: Was will ich von dir, was willst du von mir, was bekomme ich dafür?

Gleichzeitig gibt es wenig Erfahrungsräume, in denen auch unsere verspielte Seite Platz hat. Dabei ist gerade das Spiel wichtig: Wenn wir spielen dürfen, können wir oft erst wirklich entspannen – und uns dadurch auch leichter anderen Menschen öffnen.

Wir bewegen uns viel in unseren Familien, Freundeskreisen, beruflichen Umfeldern und zunehmend auch in digitalen Bubbles. Die LOVEBOX interessiert sich für den Moment davor: Was passiert, wenn ich einen Menschen erst einmal wirklich wahrnehme, bevor ich ihn auf eine Meinung, eine Herkunft oder eine Position reduziere?

Natürlich löst eine solche Begegnung keine gesellschaftlichen Konflikte. Unterschiede verschwinden nicht, nur weil zwei Menschen sich begegnen. Aber dort, wo die Bereitschaft zur Begegnung vorhanden ist, kann vielleicht mehr Verbindung entstehen, als man vorher erwartet hätte.

Wie kann die Idee über den Film hinaus weiterleben?

Uns interessiert besonders, was außerhalb der ursprünglichen Burn-Community mit der Idee passiert.

Die LOVEBOX soll ausdrücklich kopiert werden. Auf unserer Website gibt es eine Anleitung, mit der Menschen ihre eigene Version schaffen können. Wenn daraus an vielen unterschiedlichen Orten solche Räume entstehen, begegnen sich vielleicht irgendwann Menschen, die sonst nie miteinander ins Gespräch gekommen wären.

Der Film soll deshalb nicht nur dokumentieren, was wir erlebt haben. Er ist auch eine Einladung, die Idee weiterzutragen.

Was wünscht ihr euch, dass das Publikum aus dem Film mitnimmt?

Wir möchten niemandem sagen, wie er oder sie leben oder denken soll. Vielleicht reicht schon die Erfahrung, dass Begegnung möglich ist – manchmal auch mit Menschen, bei denen man es nicht erwartet hätte.

Wenn jemand nach dem Film ein bisschen neugieriger auf einen fremden Menschen wird, vielleicht weniger schnell eine Schublade aufmacht oder sogar selbst einen solchen Raum schafft, wäre das viel.

Die LOVEBOX verändert nicht die Welt. Aber sie hat uns gezeigt, dass zwischen zwei Menschen manchmal erstaunlich schnell etwas möglich wird.

LOVEBOX

Ein Raumschiff für menschliche Verbindung

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